Die Räuberbande

Es ist Freitag früh, 9 Uhr. Von dem Hotel Taitu, in dem ich eingecheckt habe, welches sehr bekannt ist in Addis Abeba (hat eine über 100-jährige Geschichte), laufe ich Richtung Piazza um mit einem Minibus zum “Stadion” zu fahren. Auf dem Weg kaufe ich mir 2 Samosas; das sind frittierte Teigtaschen mit einer Linsenfüllung. Da ich keinen großen Hunger habe, packe ich die Samosas in meinen Rucksack. An der Piazza angekommen, gehe ich zur Haltestelle des Minibuses, welcher nach Bole fährt. Nach 3 Minuten kam ein Bus und war auch direkt mit ca. 18 Personen gefüllt. Man stelle sich vor, der Minibus ist kleiner als ein VW T3 Bus. Dass so viele Personen in so einem kleinen Bus fahren, ist für äthiopische Verhältnisse ganz normal. Auf der Fahrt sage ich irgendwann, als ich aussteigen möchte, „Wiradj Alo“ – „es gibt einen Aussteigenden“ dann hält der Fahrer an der nächsten Möglichkeit an und die Personen die aussteigen möchten, können raus. Ich stieg aus. Während ich die Straße entlang lief, habe ich die Tüte mit den Samosas ausgepackt und habe angefangen eins zu essen. Plötzlich war ich umringt von 5-6 Straßenkindern. Eines von ihnen hat sich vor mich gestellt und während des Gehens, angefangen nach Geld zu betteln. Etwas genervt habe ich ihm mit der linken Hand das zweite Samosa, welches ich gehalten hatte, gegeben. Dann bedankte der Junge sich mit gesenktem Kopf, in dem er meinen rechten Arm packte und heftig schüttele. Mir kam diese Gestik merkwürdig vor. Ich riss mich los und lief weiter und beobachtete auch, dass sich die Gruppe der Straßenkinder schnell auflöste. Instinktiv griff ich in meinelinke Hosentasche und bemerkte, dass ich Opfer einer Räuberbande geworden bin. Mein iPhone war nicht mehr in der Hosentasche. Ich lief schnell zu zwei der Bettlergruppe, die schon die Straßenseite gewechselt hatten und hielt sie fest und sprach laut mit ihnen, wo mein Handy sei, ich schrie sie an, “gebt mein Handy zurück” auf englisch und tigrinya (eritreisch). Plötzlich kamen 3 Polizisten in zivil und haben die Sache beobachtet und sich eingemischt. Nach einem Wortwechsel mit ihnen ist einer der Polizisten los, um nach einem der Diebe zu schauen. Die anderen 2 Polizisten hielten die 2 Banditen mit Handschellen fest. Mir kamen schon üble Gedanken in den Kopf, denn meine komplette Reise habe ich über das iPhone abgewickelt. Meine Bordingcards und andere wichtige Dokumente waren alle im iPhone gespeichert. Was für ein Stress alles jetzt ohne Handy organisieren zu müssen, dachte ich mir und hatte das Telefon schon abgeschrieben. Dann, nach ca. 5 Minuten kam einer der 3 Polizisten mit dem Dieb an der linken Hand und meinem Telefon in der anderen Hand in unsere Richtung zurück. Von weitem hielt er das Telefon in der Hand und zeigte es mir, mit der Gestik ob es meins ist. Ich hatte nicht geglaubt, dass er den Dieb findet und ich mein Telefon zurückbekomme. Bei uns angekommen, haben die 3 Straßenkinder angefangen zu heulen, wollten damit Reue zeigen und haben gefleht, man möge ihnen doch vergeben, haben angefangen die Schuhe der Polizisten zu küssen. Die Polizisten hatten kein Mitleid mit den Dieben und es ging Richtung Polizeirevier. Ich bat einen der Polizisten, der mein Handy hatte, es mir zurückzugeben, doch er hielt es fest in seiner Hand und sagte etwas auf amharisch (ethiopisch). Habe nur einzelne Wörter verstanden aber nicht genau was er meinte. Auf dem Polizeirevier angekommen (Lebhar Police Station ) hat eine zweistündige Zeugenaussage stattgefunden. Ich war sehr genervt, da es hieß, dass sie mein Telefon über das Wochenende dort behalten werden. Ich hatte keine Chance, den zuständigen Polizisten zu überreden, mir doch mein Handy direkt auszuhändigen. Nach einer Weile gab ich auf und habe mich damit abgefunden, es zu einem verabredeten Termin am Montag nach dem Wochenende abzuholen. Am Montag um 4 Uhr äthiopischer Zeit (10 Uhr früh) bin ich zur Polizei Station hin, um das Handy abzuholen. Wieder habe ich den Vorfall von Freitag zweimal erzählen müssen. Schließlich wurde mir mein Handy herausgegebenen, nachdem ich in einem Protokoll unterschrieben und meinen Fingerabdruck (rechter Zeigefinger) hinterlassen habe, nerv! Da der Fall noch nicht abgeschlossen war, bin ich mit einer Polizistin zu einem Fotogeschäft, welches um die Ecke der Polizeistation ist hin, um das Telefon als Beweismittel fotografieren zu lassen. Am Mittwoch um 2 Uhr (8 Uhr früh) bin ich wieder eingeladen im Revier zu erscheinen, um dann als Zeuge bei einem Gericht auszusagen. Was für ein Stress – aber ich liebe diese Stadt und das Land trotzdem. Es gibt zwar viele Schurken, die einem das Geld aus der Tasche ziehen wollen, aber es gibt mehr Menschen die einem etwas Gutes wünschen und anständig sind. Und ich fühle mich auch von Gott beschützt – wie schon Bob Marley sagte „Who God bless, no one curse“ ❤️  Addis Abeba – Ethiopia, 20.Mai 2019

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Mobil ✆ : +49 172 680 74 91 – Mail ✉ : info(at)menasse-gebregzi.de

© 2020 Menasse Gebregzi Photography